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Zuger Chriesisturm

TRADITION & HEIMAT

Chriesi. Weil Zug ohne sie nicht Zug wäre.

Von römischen Kirschenkernen bis zum Chriesisturm — die Geschichte einer Frucht, die einen ganzen Kanton prägt.

Die Chriesi stehen für vieles, was Zug ausmacht: Herkunft, Tradition, Offenheit und Zukunftsgeist. Sie zeigen, dass Bewährtes und Neues hier nebeneinander Platz haben und sich gegenseitig stärken. Genau deshalb haben sie auf meiner Webseite einen eigenen Platz.

André Wicki

RÖMERZEIT

Schon die Römer genossen Chriesi in Zug.

Die ältesten Nachweise für den Verzehr von Kirschen im Kanton Zug gehen bis in die Römerzeit zurück. Archäologische Grabungen in den Jahren 1944 und 1945 ergaben, dass zwischen Hagendorn und dem Kloster Frauenthal einst eine römische Mühle stand. Bei den Ausgrabungen fanden Archäologen Kirschkerne von Süss- und Weichselkirschen — gemäss Radiocarbondatierung aus den Jahren 170 bis 270 nach Christus.1

Noch ältere Funde kamen 2003/04 hinzu: Ausgrabungen in Cham-Hagendorn förderten Kirschkerne aus einer Schicht zutage, die auf rund 220/30 nach Christus datiert wird — fast 1 800 Jahre alt. Die Chriesi ist damit eine der ältesten dokumentierten Kulturfrüchte des Kantons.

Schon damals wuchs und reifte hier, was heute unsere Identität prägt.

14. BIS 18. JAHRHUNDERT

Vom Kulturgut zur Glocke.

Im Zugerland wurden Kirschbäume bereits im 14. Jahrhundert kultiviert und galten als wertvoll. 1626 ist die erste urkundliche Erwähnung des Kirschwasserbrenners in Zug. Ein Jahr später, 1627, wurde der Zuger Chriesimärt erstmals als «kriesymerckht» urkundlich erwähnt — der älteste Kirschmarkt der Schweiz.2

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Zuger Kirsch weit über die Kantonsgrenzen hinaus einen guten Ruf. In einer Backrezeptsammlung aus Baar aus jener Zeit findet sich bereits «Türkenbund von Kirschen» als Rezept — ein Zeichen, wie tief die Chriesi ins Alltagsleben eingedrungen war.

1711 ist die «Chriesigloggä» erstmals nachweisbar: die Erlaubnisglocke der Kirche St. Michael auf dem Zugerberg, die den offiziellen Start der Chriesi-Ernte einläutete. Wenn sie mittags läutete, wussten die Zuger: Jetzt darf geerntet werden. 2011 feierte die Chriesigloggä ihr 300-Jahr-Jubiläum.2

19. JAHRHUNDERT

Zuger Kirsch geht weltweit.

Zugerland Reiseplakat 1939, Illustration Martin Peikert

«Zugerland», 1939. Martin Peikert / IG Zuger Chriesi (CC BY-SA 3.0 DE)

1870 gründeten Chriesi-Bauern und Destillatoren die «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», um Qualität und Export des Zuger Kirschs zu verbessern. Innerhalb weniger Jahrzehnte lieferte die Gesellschaft den Zuger Kirsch in die ganze Welt: nach Europa, Russland, Kleinasien, Amerika und in die Karibik.2

Das Plakat von 1939 zeigt, wie tief die Chriesi zur Identität des Zuger Landes geworden war: zwei Kirschen, in denen sich die ganze Landschaft spiegelt — Zugersee, Kirche, Berge, Schiff. Die Chriesi als Fenster zur Welt.

2013 erhielt der Zuger Kirsch den AOP-Schutz (Appellation d'origine protégée) — eine staatliche Garantie, dass echter Zuger Kirsch nur aus echten Zuger Chriesi entsteht.3

1915

Heinrich Höhn und die Zuger Kirschtorte.

Heinrich Höhn, 1889 im appenzellischen Herisau geboren, eröffnete 1913 seine «Conditorei u. Caffee H. Höhn» an der Alpenstrasse 7 in Zug — in unmittelbarer Nachbarschaft zu den berühmten Kirschbrennereien der Stadt. Zwei Jahre lang tüftelte er an der richtigen Rezeptur einer mit Kirsch getränkten Torte: zwei Mandel-Meringue-Böden, kirschgetränktes Biskuit, Kirsch-Buttercreme.4

Das erste Werbeinserat für die neue «Zuger Kirschtorte» erschien an Weihnachten 1915 in der Zuger Zeitung — daher gilt dieses Jahr als offizielles Erfindungsjahr. 1922 liess Höhn die Torte schützen, mit einem Markenzeichen und dem charakteristischen blauen Band. Es folgten Goldmedaillen: 1923 in Luzern, 1930 in Zürich, 1935 in Zug, 1964 an der Expo.64 in Lausanne. Zu den bekannten Fans zählten Churchill, Audrey Hepburn, Charlie Chaplin und Papst Franziskus.4

2015 erhielt die Zuger Kirschtorte den IGP-Schutz (Indication géographique protégée) — rechtlich verankert, was Höhn 1915 erfunden hatte.5

EINE TRADITION LEBT

Wenn die Altstadt zum Stadion wird.

Der Chriesisturm geht auf eine strenge Ordnung zurück: Es war verboten, vor dem Glockenzeichen auch nur eine einzige Kirsche zu pflücken. Ein «Chriesiwächter» patrouillierte tagelang auf der Allmend, bevor die Glocke läutete. Wer früher pflückte, riskierte eine Busse — oder die Nacht im Zytturm.6

Dann, mittags am 22. Juni, läutete die Chriesigloggä von St. Michael eine Viertelstunde lang. Das Zeichen war gegeben. Die Männer griffen zu den über acht Meter langen Holzleitern — rund 30 Kilo —, die Frauen zu Kratte und Rückenkorb, und alle eilten im Sturm auf die Bäume zu. Daher der Name: Chriesisturm.

Teilnehmer rennen mit Leitern durch die Zuger Altstadt beim Chriesisturm

Der Chriesisturm in der Zuger Altstadt. © SWI swissinfo.ch

Nach jahrzehntelangem Unterbruch wurde der Brauch 2009 als Wettkampf in der Zuger Altstadt neu belebt. Heute rennen fünf Zweierteams durch die engen Gassen der Altstadt — und seit 2018 gibt es das «Huttenrennen», bei dem fünf Frauen mit Rückentragskorb (Hutten) antreten. 2026 fand der Chriesisturm zum 16. Mal statt.6

20. JAHRHUNDERT

Als die Hochstämme verschwanden.

1951 erreichte der Kirschbaumbestand im Kanton Zug seinen historischen Höchststand: 44 482 Hochstammbäume wurden damals gezählt.2 Dann begann der Rückgang — langsam zuerst, dann immer schneller. Urbanisierung, sinkende Rentabilität, der Rückzug der Landwirtschaft aus dem Siedlungsgebiet.

Der Chriesisturm geriet in Vergessenheit. Die alten Bäume wurden gefällt und nicht ersetzt. Eine Tradition, die fast 600 Jahre überlebt hatte, drohte in einer einzigen Generation zu verschwinden.

Doch die Zuger wollten dieses Stück Heimat nicht verlieren. 2006 wurde die Idee «1000 Kirschbäume für Zug» lanciert. 2008 gründete sich die IG Zuger Chriesi — eine Interessengemeinschaft, die sich seither der Förderung der Zuger Kirschen und Kirschenkultur verschrieben hat.3

EIN VERSPRECHEN

Ein Versprechen, das wir einhalten.

Das Projekt «1000 Kirschbäume für Zug» hatte das Ziel, innert zehn Jahren 1000 neue Hochstamm-Chriesibäume in der Region zu pflanzen. Ende 2018 war das Ziel erreicht: 1000 Bäume an 80 Standorten rund um die Stadt Zug.3 2010 erklärte der Zuger Regierungsrat das Zuger Chriesi als Kulturgut zum Legislaturziel, 2011 der Stadtrat.

2011 wurde der Kirschenanbau im Kanton Zug von der UNESCO offiziell als «lebendige Tradition der Schweiz» anerkannt — im Rahmen der Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes. Das gleiche Jahr, in dem die Chriesigloggä ihr 300-Jahr-Jubiläum feierte.7

HEUTE

Der ganze Kanton steht für Chriesi.

Entlang der Zuger Autobahnen stehen vier Touristiktafeln, die auf die gelebte Chriesikultur hinweisen — konzipiert von Ueli Kleeb und Caroline Lötscher im Auftrag von Kanton Zug, Zug Tourismus und Stadt Zug. Wer mit dem Auto in den Kanton ein- oder ausfährt, begegnet der Chriesi dort, wo sie selbstverständlich dazugehört.

Chriesi-Touristiktafel entlang der Zuger Autobahn

Chriesi-Touristiktafeln entlang der Zuger Autobahnen. Andreas Busslinger / Kleeb-Lötscher

Heute gibt es im Kanton Zug rund 350 Chriesi-Sorten. Von den rund 400 Bauernbetrieben im Kanton sind rund 300 im Chriesi-Anbau tätig.3 Die Kreativität der Zuger kennt keine Grenzen: Chriesitorte, Chriesiwurst, Chriesibier, Chriesijoghurt, Chriesi-Konfitüre, Chriesi-Sirup. 2009 wurde die Zuger Chriesiwurst lanciert und wurde innert kurzer Zeit schweizweit bekannt.

CHRIESI MACHT GLÜCKLICH

Drei Gründe, die alles erklären.

ERNTE

Die Freude, wenn die erste Chriesi reif ist.

TEILEN

Die Freude, wenn man sie mit Freunden teilt.

TRADITION

Die Freude, wenn man sie weitergibt.

Zug ohne Chriesi geht nicht. Chriesi ohne Zug geht nicht.

Hauptsache Chriesi.

QUELLEN

  1. IG Zuger Chriesi: zugerchriesi.ch/tradition
  2. Wikipedia: Zuger Kirschen
  3. IG Zuger Chriesi — Verein: zugerchriesi.ch
  4. Zuger Kirschtorten-Gesellschaft: Geschichte Zuger Kirschtorte
  5. Patrimoineculinaire.ch: Zuger Kirschtorte IGP
  6. SWI swissinfo.ch: Chriesisturm — Das Kirschenrennen des Kantons Zug
  7. Lebendige Traditionen der Schweiz (UNESCO): Cherry growing — Canton of Zug
  8. Kleeb-Lötscher: Chriesi-Kultur Stadt/Kanton Zug